Interview Dr. med. Renato Werndli

Lieber Renato, bitte stelle dich und deine Praxis vor.
Die vegane Praxis in Zürich wurde vor einem Jahr gegründet und wendet sich an vegane Leute, die sich mal vorurteilslos medizinisch beraten lassen möchten. Das Personal ist grossmehrheitlich vegan.

 

Was hat dich dazu gebracht, das zu tun was du heute tust?
Viele Veganer klagen immer wieder, dass sich MedizinerInnen trotz mangeldem Ernährungswissen als ExpertInnen aufspielen, vegan als schädlich hinstellen und immer gleich alle Symptome ohne Abklärung als veganbedingt abtun.

 

Was bedeutet dir der Veganismus?
Veganismus ist für mich die Möglichkeit, sofort etwas für die leidenden Nutztiere zu tun. Nötige gesellschaftliche und politische Veränderungen sind leider momentan unrealistisch.

 

Was war ausschlaggebend für dich, vegan zu leben?
Bei mir waren es rein ethische Gründe: nachdem mich jemand genau aufgeklärt hat, welches versteckte Unrecht hinter jedem Tierprodukt steht, war sofortige Umstellung klar.

 

Wo siehst du den Veganismus in der Schweiz in 10 Jahren?
Ich befürchte, dass die Tierprodukte-Lobby eine allgemeine Umstellung erfolgreich verlangsamen vermag.

 

Worin unterscheidet sich die vegane Ernährung von omnivorer Ernährung aus medizinischer Sicht?
Ausser B12 sind in omnivorer und veganer Ernährung alle Nährstoffe enthalten. Die essentiellen Aminosäuren sind in Fleisch alle enthalten, während Vegane dazu Hülsenfrüchte und Getreide kombinieren sollten. Gewisse Nährstoffe wie Eisen, Vitamin D, Zink werden aus Pflanzen oft etwas schlechter resorbiert. Dafür sprechen unzählige sogenannte Endpunktstudien, dass Veganer länger leben und fast alle Krankheiten weniger ausbrechen und besser verlaufen.

 

Gibt es etwas, worauf VeganerInnen besonders achten müssen?
Einzig B12 sollten alle substituieren. Und vielleicht etwas an obgenannte Unterschiede reagieren. Aber sonst ist es eher ein unfaires abschreckendes Argument von Vegan-GegnerInnen, wenn diese behaupten, “vegan geht, aber man muss sehr viel verstehen von Ernährung oder sich dauernd ärztlich kontrollieren lassen”.

 

Was empfiehlst du Eltern, die ihre Kinder vegan ernähren möchten?
Bis 12 würde ich zusätzlich Vitamin D und Omega 3 substituieren oder bewusst in der Nahrung anbieten. Aber sonst gilt: so ausgewogen wie möglich, was ja auch für omnivore Kinder gilt.

 

Ist die vegane Ernährung auch in der Schwangerschaft und Stillzeit bedenkenlos?
Vegan ist für Schwangere und Stillende nicht nur bedenkenlos sondern belegbar gesünder als omnivor. Auch hier würde ich höchstens zusätzlich Vitamin D, Omega 3, Eisen und zu Beginn Folsäure substituieren. Und sonst nur jene Nährstoffe, die bei gelegentlichen Bluttests zu tief sind.

 

Was gibst du Vegan-Newbies als Arzt mit auf den Weg?
Seid euch bewusst, dass Ernährung im Studium viel zu kurz kommt und wir MedizinerInnen im Gegensatz zur öffentlichen Meinung auch nur Laien sind bezüglich Ernährung. Wir haben die meisten Infos deshalb auch nur von der Laienpresse. Und dort versucht die entsprechende Interessensgruppe, Tierprodukte positiver darzustellen als es der Wissenschaft entspricht. Deshalb ist noch heute eine grosse Mehrheit der MedizinerInnen der Meinung, dass vegan eher schädlich sei. Lest deshalb unabhängige Studien und ihr merkt: vegan ist praktisch bei allen Krankheiten besser.

Steckbrief

Name: Dr. med. Renato Werndli

Alter: 66 Jahre

Name Praxis: Vegane Arztpraxis I VegMedizin

Veganes Lieblingsprodukt: Leider veganer Fastfood